Samstag, 31. Dezember 2011

Nachtprotokoll: Eine Art Jahresrückblick...

…Über Sprachlichkeiten



So lieber Stefan, jetzt musst du dich entscheiden! Doch wohin sollte ich mich wenden, wohin den Spaziergang lenken. Es lag etwas in der bewölkten Luft. Gewisse Spannung war da, spürbar, vielleicht weil ich Zeit und Ruhe zur Wahrnehmung hatte, im richtigen Raum der Straße, unterm nächtlichen Himmel Wiens.


Wozu brauche ich mehr als ein Stammbeisl? Natürlich brauche ich mehr…Hat doch eines manchmal geschlossen. Und was sagt die Lust? Mal was Neues ausprobieren, oder etwas altvertrautes Neueres? Die Lust spricht mit vielen Zungen. Manchmal muss man sich einfach entscheiden, für irgendeine gut daliegende Richtung. Manchmal hat man auch das Glück, dass irgendjemand oder irgendetwas einem die Entscheidungsfindung maßgeblich mitbearbeitet – dann ist es einem bzw. mir oft auch nicht recht.


Was als winziges Detail im räumlich so gewaltigen Kosmos erscheint, kann das Universum unseres inneren Wesens erschüttern; verglichen mit diesem ist die äußere Menschenwelt – die Welt, die sich das Mensch materiell heimisch machen kann – sehr beschränkt.


Auf dem Toilettengang beginnt mir der gallische Krieg. Danach hänge ich mich mit diesem Cäsar in die Matte und an die Bartheke; mit einer alte Übersetzung, eines noch viel älteren Textes. Ich liebe die Präzision und Gründlichkeit dieses zweifach Historie schreibenden Autors und hoffe, dass mein Lesevergnügen auch daher rührt (wie dem entsprechend das Beschriebene auch gewesen sein mag); und ich mich nicht etwa allein vom niedergeschriebenen Charisma dieses Feldherrn, Eroberers und Diktators beeindrucken lasse.


Weiters frage ich mich, ob der Mangel an Schwammigkeit antiker Quellen daher kommt, dass man damals mit Schreibmaterial sparsam umgehen musste; und die unpräzisen AutorInnen schlicht gesagt nicht überdauern, möglicherweise, weil spätere Generationen sie umso schwerer zu interpretieren verstehen. Ich verdächtige aber auch jene Ur-KollegInnen aus ähnlichem Grund zu verschellen, deren Texte bei ihrem Durchdenken keinen Spaß machen, weil man sie nicht durchdenken, bedenken oder ihretwegen irgendwie denken muss (– außer vielleicht darüber nach, warum man das Zeug noch länger in Händen hält). Immerhin gibt solche KollegInnen auch heute noch. Ihre LeserInnen sind Legion.


Ich glaube also, dass nicht viel Sprachliches aus unserer, an Druck- und Schriftwerk so reichen Zeit, den Eifer menschlicher Selbstzerstörung (sprich den Lauf der Menschheitsgeschichte) überleben wird. Auch nicht auf Film – analog oder digital. Gerade was übers Fernsehen gesprochen wird übertrifft den Nonsens oder Sens Inkognita gewisser populärer, kommerziell oft erfolgreicher Literatur. Auch spätere Generationen werden sich auf den Erhalt oder die Wiederveröffentlichung des dann immer noch Verständlichen beschränken – auf das so genannte Zeitlose. Der Rest ist durchsetzt von Floskeln, Redewendungen, Umschreibungen und Codes, obwohl es ihm dennoch an Nuancen und Tiefgründigkeit mangelt. Denn das meiste Gerede und Geschreibe dieser Tage und Nächte ist eine Floskelreihe der Übertreibung oder Untertreibung – in beidem kann man sich verkriechen.



Heimat!



Aber wie komme ich eigentlich darauf? Durch „Heimat“, jawohl! Dieser Begriff wird nicht nur unverständlicherweise und offenbar mit Staatszugehörigkeit oder „Kundentreue“ verwechselt. Es dürfte zwar bekannt sein: Die Leute reden am meisten über Dinge, die sie am wenigsten verstehen, weil ihr Gespräch dadurch, wie ein Vogel in der Luft, an keine Grenzen stoßen muss – es sei denn, es wird durch Außenstehende heruntergeschossen. Wenn aber die einen GesprächspartnerInnen genauso wenig über das besprochene Ding verstehen, wie die anderen, ändert sich nicht vielmehr, als der Stand des geglaubten Wissens, also der Austausch von voreiligen Urteilen (Der Begriff „Vorurteil“ ist auch schon verirrt).


„Heimat“ scheint nun auf alles schwach Erdenkliche angewandt zu werden, wie die Kleinkinder das Wörtchen „Meins(!)“ auf jede ausgespuckte Wäscheklammer heften, von der sie nicht wissen, was sie ist und die ihnen nicht einmal sonderlich gut schmeckt. Ein erwachsenes Mensch sollte jedoch keinen solch persönlichen Anspruch auf Bereiche legen, die es weder kennt noch braucht.


Natürlich gehören die Tiroler Berge zu unserem Staatsgebiet. Wohnhaft bin ich allerdings in der Hauptstadt und selbst dort würde ich lediglich vereinzelten Stammbars „Heimat“ als Auszeichnung verleihen; einer gewissen Landschaft ebenso, mit deren schönen Anblick ich aufwuchs. Ansonsten hat Heimat mit geliebten Menschen und geliebter Zeit zu tun. Dafür könnten sich ein paar Eingebildete sogar eine mathematische Formel ausdenken. Aber ich werde mich hier nicht mit Einzelheiten aufhalten (Die Sperrstunde naht). Nur so viel: Kaum jemand würde das eben Gesagte bestreiten. Dennoch führen sie diesen wichtigen Begriff „Heimat“, neben anderen, verqualmend wie gestreckten Tabak im Munde; und wenn sie ihn nicht mehr brauchen, werfen sie ihn achtlos in den Dreck jener Straßen, die niemand sich als „Heimat“ ersinnt.


Dabei will die Gesellschaft immer noch so tun, als ob das Erwachsenentum mit Mündigkeit zu tun hätte, während die Demokratie in Wahrheit unter der Unmündigkeit der Wahlberechtigten, die industrialisierte Menschenwelt unter der Unmündigkeit der KonsumentInnen leidet. Diese entspringt nicht der (Un-)Art der Sprache, sondern der Unart des Denkens und letztlich der vielfachen Unkenntnis.




Stammtische und die wahren Trottel



Man verpönt den häufig erwähnten „Stammtisch“, als Sinnbild einer Unkultur trunkener, ahnungsloser Schwätzer unter dem gemeinen Pöbel. Dies ist allerdings nicht mehr als geschickte, unterschwellig sanfte Aufwiegelung, angewandt, um eben jenen Pöbel zu entzweien, getarnt im Scherze selbst jener Scherzkekse, die sich auf Seiten der Gerechtigkeit wünschen. Schließlich wähnt man jeden Stammtisch als den schlechterdings gemeinten, um den eigenen für die eine Ausnahme zu halten. Als Mensch der sich nicht selten in Bar, Cafes, Beisl und Kneipen aufhält, weiß ich jedoch: Personen, die sich regelmäßig zur geselligem Umtrunk und Gerede bei WirtInnen ihres Vertrauens treffen, sind selten die größten Trottel der Gesellschaft.


Die wahren Trottel hocken meist alleine da und wissen ihren Ethanolkonsum nicht zu mäßigen, weil sie viel zu selten oder viel zu häufig dazu eingeladen werden und auch keinen ausgeprägten Genuss daran finden: Sie trinken aus Gewohnheit, Sitte oder Sucht. Sie treffen sich zwar auch ab und zu in kleinen Grüppchen, allerdings nur aus beruflichen bzw. geschäftlichen Gründen oder weil sie sonst niemanden haben, als die Nächstbesten (Mobilfoneinträge), von denen man sich irgendeinen Vorteil erhofft – und sei es nur die rasch schön getrunkene Geselligkeit, die einen vor einem einsamen Wochenende bewahrt. In diesem Zusammenhang will ich loswerden, dass ein Trottel nicht jemand ist, der aus Unwissenheit den Stammtisch mit Blödsinn belärmt; sondern jene, die dies wider besseres Wissen tun, auch in einer gepflegten Weinschenke. Es gibt nicht wenig offiziell gut gebildete Menschen, die häufig einsam an der Bar stehen, ohne einsame Hundlinge (wie der Autor dieses Textes – der aus beruflichen Gründen ebenfalls oft alleine an Kaffee und Bier schlürft) zu sein.


Schachtelsätze! Man solle keine Schachtelsätze mehr schreiben? Auch das ist ein Unheilszeichen unserer sprachgestörten Zeit. Ich weigere mich aber, meine LeserInnen für unfähig zu halten, bevor ich sie kenne (gerade weil ich alle meine wenigen LeserInnen kenne). Natürlich! Kurze Sätze erleichtern das Lesen, sind praktisch für Zeitungen und Magazine, die man ohnedies nur überfliegt. Ich will allerdings nicht überflogen werden!




Ausländer (offenbar nur die männlichen)



Aber zurück zu den Unwissenden: Habe den Eindruck, dass in manchen Gruppen aus reiner Verlegenheit über „Ausländer“ geredet wird, weil man davor schon ausreichend die Lage des Wetters erläuterte. Dabei erhört es sich, dass beim so genannten „Stammtisch“ eben nicht nur über Fremdländische geschimpft wird. Es scheint nur immer leichter zu sein, über nicht Anwesende zu quatschen; und je ferner diese Nichtanwesenden dem vertrauten Kreis der Unterhaltung stehen, umso sicherer fühlt man sich offenbar, über sie zu urteilen. Dabei ist man mit unterschiedlichem Ernst und Scherz bei der Sache.


Wer aber über „Ausländer“ ähnlich verfügen möchte, wie über den Begriff der Heimat, der sollte wissen, worüber er spricht. Verständlicherweise ist es verführerisch, in der Hitze eines Gesprächs Vorurteile auszutauschen. Dies als Wissen auszulegen, was man gerne glauben möchte, ist eine menschliche Schwäche, ein primitiver, also ursprünglicher Reflex vielleicht, allerdings ein solcher, der im Laufe der Kultivierung und Sozialisierung pervertierte. Es ist auch hier schändlich für den Verstand eines/einer Erwachsenen, dieser Schwäche nachzugeben und fahrlässig nicht nur MigrantInnen, AsylwerberInnen und VerbrecherInnen durcheinander zu mischen. Vielfach werden einzelne schlechte Erfahrungen, selbst solche die man nicht persönlich machte, als Scheinbeweis für den schlechten Charakter ganzer sozialer oder ethnischer Gruppierungen angeführt. Aber selbst ein Kleinkind, das sich einmal am Herd verbrannt hat, wird bald wieder mitkochen wollen, so gefährlich kann ihm der Herd nicht scheinen, erkennt es doch auch seinen Nutzen und damit seine Eigenschaften in größerem Umfang. Das ist der ebenfalls primitiven Neugierde und Wissbegier zu verdanken. Will man also glauben, dass sämtliche so und so aussehenden Personen generell keine Manieren haben, so ist das nur bedingt ein natürlicher, gedanklicher Prozess – vor allem ist es ein vermurkster Lernprozess.


Möglicherweise ist das wieder der Ursprung einer Gegenbewegung in den Arsch der Sprach- und Denkkultur. Denn um politische Korrektheits- und andere Fehler zu vermeiden, scheinen gewisse Sprach- und MedienmacherInnen bevorzugt so wenig wie möglich zu sagen. Das führt zurück zum Thema des anonymisierten Sinns in mancher Sprachlichkeit. Da gerade übers Internet alles von allen kritisiert und kommentiert werden kann, schützt man sich mit einer sinnentleerten Blase bzw. windet sich in Unfestigkeit. Man wird oder bleibt in seiner Interpretation eines Sachverhalts, inhaltlich, aber vor allem sprachlich, so unkonkret, auf das einem möglichst wenige oder besser keine Fehler nachgewiesen werden können. Die Welt hat von der Politik gelernt und findet es nun unschicklich Verantwortung zu übernehmen, eine exakte Meinung zu vertreten, da immer jemand mit einer besseren Gegenmeinung auftauchen könnte. Die sprachlich weniger Begabten üben sich derweil in Wurstigkeit (Egalität der Ignoranz). Aber beide dieser Angsthasen wollen nichts Neues erfahren. Langweilig! Es ist nicht wichtig keine Fehler zu machen, sondern das Richtige aus den Fehlern (den eigenen oder denen der Anderen) zu lernen – eine Lebenskunst.


Die hier vermerkten, ebenfalls unkonkreten, weil beispielslosen, Eindrücke, entstanden im Grunde über das ganze letzte Jahr, großteils aber wohl in den letzten Monaten oder Tagen. Ich weiß es nicht mehr. Ja, das war’s vorerst. Zu schreiben gibt es sicherlich noch einiges, ich habe aber gerade keine Lust mehr. Das Jahr ist aber auch noch nicht ganz zu ende. Ich wünsche aber vorsorglich einen guten, trinkfesten Rutsch ins neue Jahr; und andere Freuden dabei für die AntialkoholikerInnen.

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