Dienstag, 24. Januar 2012

Halbes Nachtprotokoll

23-24.1.2012

Warum sehne ich mich nach der absoluten Unabhängigkeit und deren Erklärung Schottlands? Ich will daß Sean Connery sie noch erlebt. Vielleicht, weil es kaum etwas Unvernünftigeres gibt, als die Konstruktionsversuche eines nüchternen Empfindens und Beobachtens. Ich war noch nie in Schottland, aber ich trinke seinen Whiskey.
Und wie kann man sich nicht für Politik interessieren? Gerade die trotzigsten Angaben von Desinteresse bezeugen dessen Gegenteil. Es ist nicht möglich ihr zu entgehen, wo mehr als ein Mensch eine Gemeinschaft gründet. Je größer seine Müdigkeit wird, umso heftiger bestreitet sie mein Kind, bis es zu müde dafür ist. Das Kind legt noch vieles offen, das der heranwachsende Mensch verdeckt.

Wie edel ist der Mensch? Wie faszinierend seine allmählich erlernten Fähigkeiten? Wie zauberhaft sein das Universum erfassendes Bewusstsein? Von welch göttlicher Anmut seine (nicht vorbelasteten) Liebesbezeugungen? Und zu was für einer erbärmlichen Kreatur verstümmelt er sich dennoch zu oft, seine Erscheinung, sein nach Außen hin tätiges Wesen? – zu einem Ork, wahrlich, zu einem verfluchten Ex-Elfen also (nach Tolkien).

Aus Tradition wird ein Ungetüm gezüchtet. Aus den edelsten Veranlagungen erschafft das kreative Hirngetier das grausigste Gezücht. Furz auf die Genetik (in diesem Falle)! Es ist der Geist, der das Menschenwesen bestimmt. Aber der Mensch ist womöglich ein Experiment. Das macht nichts, das kann nicht schaden. Was oder wer auch immer muss darum keinen sofortigen Erfolg erwarten.

Aus Tradition erhaltene Traditionen brauche ich nicht – deshalb bin ich ein Konservativer.
Ich wünsche mir einen funktionierenden Kapitalismus – deshalb bin ich ein Linker.
Ich glaube an Gott – deshalb bin ich nicht religiös.
Ein letzter Zweifel bleibt mir an allem – deshalb habe ich Selbstvertrauen.

Mich erschreckt kein Überwachungsstaat, keine gewaltsame Rebellion, kein Neofaschismus, keine Diktatur. Das Mensch soll seine Fehler wiederholen, bis es nicht mehr kann und sich freiwillig zur Ruhe legt. Was will es von mir? Ich bin Mensch, doch das verpflichtet mich nicht zu dummen Spielchen?

Auch muss ich nicht am Rande stehen bleiben und zugucken. Ich kann mich über den Rand bewegen und neue Kreise suchen. Allerdings langweilt mich diese Zivilisation nicht immer. Das Wunderbare kann sich überall verstecken. Aufzugeben ist Zeitverschwendung. Und das Leben braucht so viel Zeit.

Der Wienkanal treibt mir das Wasser her, das vorstädtische, winterkühle Natürlichkeit mit sich trägt – den Geruch der Berge, das Atmen des Wiener Waldes. Über den Dachterrassengeschossen fliegen klarweiße Wolkenfetzen wunderschnell vor den Sternen dahin, über die nächtliche Himmelsdunkelheit, im kalt-warmen, starken Wind; dort wo, vom weit geöffneten Fenster aus, nichts anderes mehr von der Stadt zu sehen ist. Auf einem Schiff könnte ich stehen, auf offener See, irgendwo, der Ferne und Fremde zufahrend.

Was geschah alles, beim einsamen Heimgang durch den Regen der Neujahrsnacht? Nach Sylvester, zwischen dem Frust über die alten Symptome und dem trotzigen Mut gegen Alles, was da wohl noch komme, wandernd? Ich blieb gesund und kehrte heim und wieder heim. Ich tat den letzten Schritt und zugleich den ersten; die Vollendung eines Anbeginns.

Dank sei dir Gott, der Göttlichkeit – im Erkennen immer wieder gerne. Unter mancher Mühe erkenne ich ein feierliches Geschenk, einen Lohn, der sich im Erkennen ergibt. Ich ahnte es bereits, dann wusste ich es, nun weiß ich es besser.

Wer über das Wirken seiner Feinde jammert, bekämpft diese selten zur gleichen Zeit. Ich habe keine Zeit mehr zum Zaudern. Jetzt muss ich hier und dort sein oder vermutlich niemals. Das Irgendwann könnte gar nicht existieren – das ist anzunehmen.

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