Sonntag, 8. Januar 2012

Nachtprotokoll: Der Köter gräbt dazwischen!

(Skizze vom Verfall) 7.1.2012

Ich genieße die sanfte Trunkenheit, mit der ich geschmeidig durch die hässlichen Gassen stolpere und tänzle. Der Wind streichelt mir den Kopf. Es muss doch weitergehen, es will in mir. Das Gift in meinen Zellen erinnert mich an das Leben, es erinnert mich and den Tod, an wildes Aufbegehren gegen die Grenzen der Wirklichkeit, an die frühe Einsicht des Zerfalls; und all dieses im Schein bewusster Wahrnehmung. Es ist Ahnung und Verstehen, wie ein Schattenspiel, aufs Hirn gelegt, seltener echtes Begreifen. Aufleben und Absterben, in einer Schnittmenge davon kann ich sein. Man surft nicht auf dem Wasser oder darunter, sondern in der Bewegung seines Vermischens, im Ballen seines Griffes nach dem Ausgleich – von Unten und Oben, von Hin und Her, von Kalt und Warm. Ich bin zwar kein Surfer, aber ich schreibe.

Ich genieße, wie der lange Mantel, im Winde, um sich und um mich schlägt. Er bremst, drückt mich mit der Kraft eines rissigen Segels, er beschleunigt. Er verliert seine beabsichtigte Funktion des Schutzes vor den Witterungen, erweitert sie durch diesen Verlust und verliert doch das alte Zweckmaß nicht. Genug ist von beidem da – Spiel und Berge, im herrlichen Wind. So ist das Leben, anders kaum so zu nennen.

Früher verwendete ich Haargel. Heute habe ich nicht mehr und nicht weniger Sex. Die harmonische Rundung der Wangen einer Frau, die wie bescheidene Hügel – in deren einzigartigem Erscheinen, im lieblich geschwungenen Umland, von besonderer Erachtung – sich in ungeahnte, fein gesenkte Mulden enden, an denen ihre Lippen als Zierde menschlicher Anatomie drängen, erkenne ich dennoch als schön. Ich weiß nicht, ob dieses Sehen in Jugendtagen sinnempfänglicher war, glaube allerdings, es war nicht minderer. Allein die Worte fehlten mir vielleicht. Und sie fehlen mir auch heute. Kein Schriftsteller, keine Schriftstellerin kann soviel schreiben.

Ich könnte glauben – ich ahne es aufgrund gewisser Andeutungen – ich schriebe in „konservativer“ Sprachlichkeit, irgendwie altmodisch. Aber zum Einen hätte mein Schreiben auch zu früheren Epochen nichts mit Mode zu tun gehabt, zum Anderen ist es immer zeitgemäß zu schreiben was man schreiben will, das aus dem Geiste, über die Finger, ins Medium strömen soll. Würde ich bloß so schreiben, wie der Menschenmund dieser Tage meist redet und das Menschenohr es hört, so könnte ich auf das Schreiben ganz verzichten und ein akustisches Aufnahmegerät verwenden – oder „Youtube“ allein. Das Schreiben aber ist ein gedankliches Werk und was ich heute schreibe, weiß ich manchmal morgen noch nicht.

Gestern hatte ich den vollen Tag und fand kaum neue Worte für den „Little Duke“. Heute, hundemüde, nach dem Dienst, finde ich mich mit anderen Hunden im Pub wieder, trinke Bier, tippe dem Kleinen das Lesbare und unterhalte mich zwischendurch mit einem anderen Stammgast, warum dies so sein könnte.

Dann geht’s heim, wo man daheim sein kann. Dort ist helles Holz. Unterm Kunststoff glänzt dessen Abgewetztheit, die Wände sind weiß gestrichen, die Kabel sind unsichtbar verlegt. Alles funktioniert, deutet hüttenhafte Behütetheit an, neben dem Blick aus dem liegenden Rechteck auf die Höhe der übrigen Dachterrassengeschoße, wo man den Eindruck haben könnte, man sei in einem futuristischen Erdgeschoß und im Übrigen sei nichts mehr da – von der übrigen Hässlichkeit der Stadt – als der Himmel über den flachen Dächern, mit all den Röhren, Antennen und Sattelitenschüsseln, unter seinen zur Hast gewehten Wolkenfetzen. Und zerfetzen, sich auflösen muss alles. Die geweißten Wände zerfallen in Brocken, in die Tiefe stürzen sie zur Straße, die sich auflöst, über einem ausgehöhlten Planeten. Der Strom ist aus, die Wärme verliert sich. Keine Isolierung, keine Dämmung und kein Schutz, kann die Ansicht mehr halten. Alles verschwindet und dahinter wird sichtbar das reale Universum. Darin sind wir alle heimisch,

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