2.1.-5.1.2012
Der Kirchenglockenschlag zur bald eingekehrten Ruhe dieser Sylvesternacht, neben dem leisen Knall einer einzelnen Rakete, über der niedrigen Ebene irgendwelcher Hausdächer, begleitete meine Schritte im Schnee zersetzenden Regen, auf die andere Seite des Salzburger Mülln, die nächste Seite des Kalenders – dieses Lebens.
Ich kreuzte den leeren Parkplatz, marschierte durch einsame Gassen, unter triefenden Baumreihen, dieser ewigen Vorstadt. Für die Wenigen stehen die Häuser hier, im Stil uralt, urneu dazwischen und aus allen Epochen zwischendurch. Dunkle, leere Fenster starrten auf allen Seiten. Leer und warm leuchteten einzelne Gestaltungen des Weihnachtsschmucks. Der Wind rastete, Salzburg schlief früh, so hatte ich meine Ruhe – ich und der wache Regen. Und auf alten, vertrauten Pfaden, neben vielartigen Gärten und Gemäuern, Bächen und Kanälen, Feldern und Baumgruppen, trat ich Hinüber ins Neue. Kränklichkeit und Stärke, Frust und Mut: Die Wogen trieben und treiben mich noch vorwärts, und irgendwie halte ich mich an mir fest.
Das Hin und Her treibt mich ins „Dubliner“, das nächste, beste Pub zu erreichen, eines jener Irish-Beisl hier mit irischen Original Barkeepern, die ich in Wien zu selten finde, in selber Gemütlichkeit – erneut durch den Regen. In mir will etwas explodieren, ich weiß nur nicht wie, nicht seine wage Gestalt; sie ist mir wie Ahnung – und wie Anna; eine Freundin, zu fern, und doch immer in der Nähe. Sie meinte einmal meine Anpassungsfähigkeit zu bewundern, die ich nicht leiden konnte, während ich stets ihre kompromisslose Präsenz verehrte. Anna wohnte einmal in der Ebene, zwischen den Feldern. Deren Licht dringt immer noch durch die heimische Baumreihe, diesem Vorhang vor der Ferne der weiten Welt Deutschlands, die den Horizont dem Salzburger ebnet. Darüber formen sich regendunkel die Wolkenstoffe. Noch lassen sie genug Licht allem, noch alles zu sehen, das sie bald mit Wasser und Finsternis bedecken, über dem kleinen Meer des Suburbanen, des Durchwachsenen.
Salzburg, dieses Land, diese Stadt, dieser Zwischenraum, ist das lebendige Kunst- und Naturwerk einer Allegorie meines Lebens. Ich ertrage es und ertrage es nicht, wie das Selbst im Sturm. Ich hörte meine Eltern miteinander sprechen; bin ein Kind der Ambivalenz, ein geborener Grenzgänger, ein Zaunreiter aus dem Reich Vorörtlichkeit (und nun wohnhaft in der Großstadt der Kleingartenzäune). Ich vereine Dies und Jenes, Ying und Yang vielleicht, mit meiner Unörtlichkeit und Unerhörtheit. Ich will nicht, ich muss. Ich weiß noch nicht, dass ich will.
Das „Dubliner“ enthält die Sonntagsstimmung eines Wohnzimmers. Jemand singt zur Musik, die launenhaft anstimmt und verstummt. Irgendwann beginnt spontanes Gitarrenspiel, eines offensichtlichen Mitarbeiters, zum Blues und endet nicht damit. Er lächelt beim Anblicken, diese Mentalität kommt mir entgegen, in einer Oase meiner wüsten Menschenstadt.
Glatt geschliffener, roter Untersbergmarmor, atmendes Konglomeratsgestein, Glanz und Rauheit, allem gehe ich vorüber. Das Bier gibt meinen Beinen neuen Schwung. Der Regen gibt Ruhe im Nieseln.
Ich passiere uralte Gassen, gefüllt mit Kitsch, mit Glasflächen hinein gedroschen, das Innere entblößend; uralte Baumgruppen wie wachsende Grabmäler über den Zeiten dieser Stadt, deren vergangene Grenzen ich bald zurück lasse. Die Wiesen heißen mich willkommen mit starkem Wind. Es geht vorüber am Marschland, am Weiher, hinter den Wald, zu den alten Moorwiesen hin, in die Sackgasse des Meisters vom Zwiesel und in dessen vertrauten Halbkeller, wo wir das Spiel beginnen, wie unsterbliche Gladiatoren in der Arena unserer längst verlorenen Jugend. Das liest sich dramatisch an, ist es aber nicht. Die „Krone der Macht“, des Spieles angestrebte Ziel, ist die Krone der Ohnmacht. Ihr Träger wird ganz vom Würfelglück gelenkt, bis das Spiel ihm beendet wird. Der Weg ist das Ziel, die Gemeinschaft.
Ich ziehe weiter. Mein langer Mantel will dunkelblau die Unwissenden an eine SS-Uniform erinnern. Die Nazi-Vergleiche kamen mir aber auch schon im Schnürlsamt und im grau-bunten Tweetmantel entgegen. All jene, die nach den Zeichen suchen, finden sie bevorzugt und lautstark dort, wo sie keine echte Gefahr dahinter vermuten müssen. Die echten Nazis bleiben aber unerkannt oder unbesprochen. Was ich mit einem faschistischen Skinhead gemeinsam habe, ist das Charisma meiner Unerschütterlichkeit (das man mir erst unlängst indirekt attestierte, davor ich es selbst nicht bemerkt hatte) im Glauben an etwas Gewisses. Wie ich letztens bemerken musste, fehlt der „Mittelschicht“, dem „Bürgertum“ die Konsequenz einer Meinung. Ich weiß allerdings nicht, wie sehr die Neonazis innerlich bangen und beben. Sie sind PerformerInnen der Äußerlichkeiten. Man kann auch im komplexen Denken oberflächlich sein, unter welchem Namen und Banner man seine Dummheit auch entschuldigt.
Ich wandle weiters durchs rege Gerede über die ausfüllenden Kleinigkeiten des Alltags. Darin alles schrecklich ist, das nicht den Gewohnheiten entspricht, hier, an diesen meinen Wurzeln, in meiner Sprache Geburtsstätte. Die Komödianten beklagen alles Neue, von dem sie vorgaukeln es nicht zu verstehen. Sie spießen sich lächerlich am neumodischen Belag (oder Beleg) der Pizza, an den Reformen dieser Tage, durch die sie die schlechte, alte Zeit zur guten, alten Zeit verkehren möchten; denn der NichtraucherInnenschutz ist ihnen nur in der Verhöhnung ein Spaß, Vegetarier und Feministen (also männliche vor allem) ein Feindbild, der Akzent der Armen zur Witzelei eigen, und auch das primitiv-autoritäre Schulsystem, darin das Erwachsenentum selbst weniger denken muss, wünschen sie sich in ihrem Unverstand zurück, ehe es verschwunden ist. Nachdenken ist diesen KomödiantInnen nämlich ein zu hartes Brot, und so kichern und grunzen und plärren sie ihrem Publikum dessen eigenes, immer schon genau Gewusstes zurück ins Gehör. Dieses jubelt und jauchzt vor dem schmeichelnden Spiegel. Diese Komödianten sind die Herolde der Spießigkeit, ihre Probleme machen mir die Demokratie madig. Für eine Karriere in der Politik waren sie jedoch den Parteien nicht unterwürfig genug.
Der Mensch ist nicht nur dem Schwein sehr ähnlich, sondern auch seinem besten Freund. Man sehe sich die Trauer-Choreografie in Nordkorea an: Ein Sinnbild für die Erbärmlichkeit der ungebildeten, gleichgeschalteten Masse. Wuff, wau! Hechel! Allein ein Hund hat mehr Würde. Die Pingeligkeit aber lernt er von seinen Herren und Frauen. Das Jammern ist der liebste Smalltalk, dessen Begründung man sich vorsorglich selbst einbrockt.
Welche Lust aber mag die Mutter Dafurs empfinden, wenn ihr abgemagertes Kind endlich wieder trinkt – was ist dagegen Weihnachten, der protzig glänzende SUV in der Shopping-Street, das passende Weinglas zum fuselfreien Wein, das dumme Smartphon, der Sprössling, wenn er schneller lesen lernt als alle anderen, weil die PrivatlehrerInnen es sich nicht leisten können, ihn und es aufzugeben. Ich springe, wie jener Fuchs vor mir, durch die nächtlichen, prunkvollen Spießerparadiese, die Bollwerke des Neo-Biedermeier meiner Stadt. Die allergrößte Gefahr dabei ist die Langeweile. Gebt mir die Verstoßenen, die Hungrigen, die Vergewaltigten, die Getöteten der großen, grausamen Welt hinter dem Kleingartenvorhang – ich philosophiere mit ihnen über den Sinn des Lebens – aber verschont mich mit der Schutzhaft im Glaskarton.
In diesen leeren Straßen leuchten fünf Häusern zehn Laternen, während man in den vollen Migrantenvierteln Wiens zur Nachtzeit der Straßenbeleuchtung den Strom halsabschneidet. Eine ökologisch, ökonomisch sinnvolle Gesellschaft ist das, in Österreich wie im Kongo (den man weder demokratisch noch republikanisch nennen sollte) – sinnvoll für irgendwen. Der Staat streicht Menschen mit Behinderung die Subventionen in der Höhe eines Lercherlschaßes. Doch zwingt er das Militär Millionen für die Paranoia der BurgenländerInnen zu vergeuden. Wenn sich die ÖsterreicherInnen so sehr vor den EU-NachbarInnen Ungarns und anderen OsteuropäerInnen fürchten, sollten sie auswandern; oder ihre osteuropäischen SchwarzarbeiterInnen und Prostituierten anmelden. Mit ihrer Angst passen sie dem Orban gut in die neue, ungarische Diktator. Gebt mir ein quirlendes Ottakring, ehe ich im Ozean der schweigenden Wohnzimmerfenster ersaufe. Hier ist Licht und Luxus überall, aber die Menschen haben sich verkrochen.
Ruhe aber, Ruhe! Die Berge erstrecken sich weit und halb verschneit. Mächtig wird Dunst und Gewölk über sie und zwischen ihnen getragen. Die Luft hat hier Freiraum. Doch mit dem Wind ziehe auch ich fort von hier. Junge Krawattenträger finden sich überall, die Spießigkeit auf meinen Wegen findet sich ein, wie der Rest der ganzen Scheiße, nur kaum so schön wie daheim. Ich bin diesig im Schädel, wie nach zu viel Geglotze im Museum. Schön war’s. Grüße mir deine Nächtlichkeit und deine blendenden Tage. Ich bin herausgewachsen und bewahre deinen Kern. Er ist aufgebrochen und durchsetzt von allem anderen auch. Wien ich komme!
0 Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Schreib dich aus